Die Bilder der Ausstellung

Die Ausstellung war von Juni bis September 2011 in der Zoowelle zu sehen.
Erstes Ausrufezeichen der aufbegehrenden Zivilgesellschaft: Graffiti „No a las Termo“ – Kraftwerk nein danke!
Nach 75 Kilometern auf der Panamericana von La Serena in nördlicher Richtung zweigt die Straße ab nach Punta de Choros, 42 Kilometer durch die Bergketten der Küstenkordillere hinunter Richtung Pazifik.
Die karge, steinige Landschaft hat bereits Wüstencharakter, gerade noch um die 100 mm Niederschlag fallen hier pro Jahr, in Deutschland liegt dieser Wert über 600 mm. Wer hier lebt, muss von Natur aus genügsam sein wie Kakteen oder auch Guanakos.
Die karge, steinige Landschaft hat bereits Wüstencharakter, gerade noch um die 100 mm Niederschlag fallen hier pro Jahr, in Deutschland liegt dieser Wert über 600 mm. Wer hier lebt, muss von Natur aus genügsam sein wie Kakteen oder auch Guanakos.
Dünenlandschaft zwischen Los Choros und Punta de Choros – vom Wind getrieben, verschlucken sie immer wieder die Straße, von daher ist es hier immer nützlich, eine Schaufel im Auto zu haben...
Die raue Pazifikküste ist erreicht – in der Gemeinde La Higuera ein wahres Touristen-Paradies, felsige Küsten wechseln sich ab mit weißen Sandstränden an kleinen Buchten, ideale Bedingungen für Taucher, Sportangler und Sonnenanbeter.
Rosa Rojas vor ihren Ferienhäusern, die sie im Sommer an Touristen vermietet. Sie ist Vorsitzende, Motor, Herz und Stimme der Bürgerinitiative MODEMA. Die Pinochet-Ära überdauerte sie im kanadischen Exil, nach dem Ende der Diktatur kehrte die Lehrerin in ihre Heimat zurück und ließ sich in Punta de Choros nieder.
Hauptstraße am Ortseingang des 300 Seelen-Dorfes Punta de Choros
Silvia Gutierrez, als ehemalige Bankangestellte prädestiniert für den Job des Kassenwarts von MODEMA. Die Pinguin-T-Shirts hat Rosa Rojas Sohn in Kanada drucken lassen, durch deren Verkauf kamen einige Pesos in die MODEMA-Kasse. Dieses Exemplar freilich ist das letzte und unverkäuflich.
Straße in Punta de Choros
Cristian Cortez, der Alcalde del Mar, der „Meeresbürgermeister“ – als Zivilbeamter der Marine ist er der Chef des Hafens und legt fest, ob die Boote auslaufen dürfen oder nicht. Für ihn ging es bei dem Kampf gegen die Kraftwerke um die Zukunft seiner Zunft.
In diesen Tagen ist die See zu stürmisch, die Fischerboote in Punta de Choros bleiben an Land.
Lita Piñones, die Grundschullehrerin von Punta de Choros. Sie unterrichtet 18 Kinder der 1. bis 6. Klasse zusammen in einem Raum. Ihr Theaterstück über die Pinguine und die Bedrohung deren Lebensraumes, alles mit selbstgebastelten Kostümen, war ein Großereignis im Ort.
Kinder auf dem Schulhof von Punta de Choros
Miriam ist die Köchin der Schule. Um über die Runden zu kommen, arbeitet sie zusätzlich als Haushaltshilfe und im Sommer in den Ferienwohnungen für Touristen. Sie sagt, MODEMA habe ihr die Augen geöffnet, welche Bedeutung der Schutz der Umwelt für die Region hat.
Außerhalb der Saison geht es im einzigen Restaurant in Los Choros sichtbar beschaulich zu.
Yvonne Ronc kam mit ihrem Mann Anfang der 90er Jahre nach Punta de Choros. Als „Pioniere“ haben sie ihr Gästehaus mit der inzwischen bekanntesten Tauchschule am Ort aufgebaut. Das Meer, so sagt sie, bedeute alles für sie: Leben und Frieden.
Der Strand auf der Isla Damas. Im Jahr besuchen fast 40.000 Touristen die Ortschaften und Schutzgebiete, mit der Fischerei die wichtigste Einnahmequelle.
Jan van Dijk, ein holländischer Aussteiger, Fischer, Landwirt und neben Rosa Rojas die treibende Kraft von MODEMA. Er sah durch die Kraftwerkspläne sein persönliches Paradies bedroht. Er lebt im „beschaulicheren“ Los Choros und nicht in Punta de Choros, dort ist der Boden fruchtbarer, gedeihen seine Oliven besser.
Fischerboote in Punta de Choros
José Ter Horst, Jans Frau und ebenfalls niederländische Aussteigerin. Neben Feldarbeit und Olivenproduktion gibt sie den Kindern an der Dorfschule auf freiwilliger Basis Englischunterricht.
Einer der Schlüssel des Erfolges von MODEMA – die Antenne, die seit Ende 2007 Internet und Handy-Empfang nach Punta de Choros brachte. Das nächste Internet-Café gab es bis dahin in La Serena, in 2-3 Autostunden Entfernung.
Señora Victoria Acevedo macht man nichts mehr vor, sie lebt alleine etwas außerhalb und beinahe autark - in ihrem Garten baut sie Oliven, Obst und Gemüse an – und bei den Aktionen von MODEMA ist sie immer dabei – ihr Credo: Fürs Weiterkämpfen gibt es kein Alter – „no hay edad para eso“.
Oliven sind das Hauptprodukt der Landwirtschaft der Gemeinde La Higuera. Rund um Los Choros liegt das Zentrum der vornehmlich ökologischen Oliven-Produktion.
Juana Araya kommt aus einer der ältesten Familien in Los Choros, ihre Vorfahren haben im Bergbau gearbeitet, heute lebt sie vom biologischen Anbau von Obst und Oliven. Bei einer Veranstaltung in La Serena war sie es, die der damaligen chilenischen Präsidentin Bachelet einen Brief von MODEMA überreichen durfte.
In Los Choros herrscht noch heute die traditionelle Bauweise vor, eingeschossige Häuser mit Lehm verputzter Holzbalkenstruktur bieten einen guten Schutz gegen die Kälte des Winters und die Hitze des Sommers.
Das Tier als bester Freund des Menschen - ohne die Pinguine wäre diese Geschichte sicher anders ausgegangen, da sind sich José Ter Horst und Rosa Rojas einig. Stoffpinguin „Alex“ wurde, ausgestattet mit Infomaterial, von Sphenisco nach Chile geschickt, wo er in aufklärerischer Mission von Schule zu Schule reiste.
Gute Laune auf dem Dorfplatz von Los Choros. Der Kampf gegen die Kraftwerke ist gewonnen, die Mission von MODEMA aber geht weiter. Im Hintergrund die Dorfkirche, Anfang des 17. Jahrhunderts von den Spaniern errichtet.
Mit Hilfe staatlicher Förderung wurde am Ortseingang von Punta de Choros ein Schild errichtet, eine Art „Stadtplan“ der Küste, natürlich mit Pinguin.
Die nächste Aufgabe, der Kampf gegen die Unart, überall seinen Müll abzuladen. Ein Schild soll mahnen und aufklären.
Er steht noch nicht lange in Punta de Choros, der heilige San Pedro, Schutzpatron der Fischer. Der Kult um die Schutzheiligen wird hier sehr ernst genommen – und er hat gewirkt, sehr zum Unglück seines „uneigennützigen“ Spenders: Suez Energy.
Abendliche Idylle mit Kormoranen. Auch sie gehören zu den Siegern im „Windschatten“ der Humboldt-Pinguine.

Fotografien von Ulrike Weizsäcker

Ulrike Weizsäcker - Die Fotografin

geb. 1976 in Stuttgart, lebt in Santiago de Chile

* Studium 1997- 2002 in Paris: Bildende Kunst und Fotografie an der Université Paris VIII, Abschluss mit der Maîtrise des Sciences et Technique en Photographie et Multimedia.
* 1998 – 2006 in Paris als Foto- und Produktions-Assistentin sowie als Studio-Managerin im Bereich Mode und Werbung.
* Orchesterfotografin des Mahler Chamber Orchestra von 1997 – 2003.
* 2006 Übersiedlung nach Santiago de Chile und seitdem selbständig tätig.
* 2007 Standfotografie beim Dreh des ZDF-Zweiteilers Liebe und Tod in Chile.

Reportagen, Standfotografie, Werbung, Auftragsarbeiten für diverse Zeitschriften.

Link zur Webseite von Ulrike Weizsäcker

Danksagung

Diese Ausstellung wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung des LVM-Servicebüros Carsten Decker und Oliver Leiding Magdeburg 

David gegen Goliath auf chilenisch

Wie die Humboldt-Pinguine einen historischen Sieg über die Energiewirtschaft errangen

Im Jahr 2008 gründete das Ehepaar Gabriele und Werner Knauf in Landau in der Pfalz den Verein Sphenisco. Sein Ziel: Die Rettung der südamerikanischen Humboldt-Pinguine. Als Teilnehmer des Europäischen Erhaltungszuchtsprogramms (EEP) für Humboldt-Pinguine lag es dem Zoo Magdeburg nahe, im Rahmen seiner Aktion Naturschutz Sphenisco als kooperatives Mitglied zu unterstützen.

Rosa Rojas (li) und Gabriele Knauf

Zu den Gründungsmitgliedern von Sphenisco zählte auch Rosa Rojas, die Vorsitzende der chilenischen Umweltschutzinitiative MODEMA (Movimiento de Defensa del Medio Ambiente), die sich ebenfalls für die Belange der Humboldt-Pinguine  einsetzt. 

MODEMA selbst hatte sich gegründet, als 2007 Pläne bekannt wurden, an der Küste der Gemeinde La Higuera im Norden Chiles drei Kohlekraftwerke zu errichten - in unmittelbarer Nähe zum nationalen Schutzgebiet der Humboldt-Pinguine, in dem sich 80 Prozent der verbliebenen Freilandpopulation dieser Spezies konzentrieren.

Der Bau der Kraftwerke hätte durch die damit einhergehende Umweltverschmutzung nicht nur die Pinguine bedroht, sondern auch die Existenzgrundlage der dort ansässigen Bevölkerung, die fast ausschließlich von Fischerei, Tourismus und –im Rahmen der klimatischen Möglichkeiten- Landwirtschaft lebt.

Die Küstenstadt La Serena, 500 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago, bildet das Tor zum Norden, den Übergang zur Atacama, der trockensten Wüste der Erde. Hier findet sich das Herz der chilenischen Bergbauindustrie, in der Region Coquimbo maßgeblich die Minen El Indio und Pascua Lama, in denen vor allem Gold gefördert wird.

Der Energiebedarf des Bergbaus sowie die geringe Entfernung zur Küste führte zur Idee großer Kraftwerke direkt am Meer, mit eigenen Häfen für die Kohleanlieferung. Problem: Die Gewässer dieses Küstenabschnittes zählen zu den artenreichsten und produktivsten Gebieten Chiles. Hauptgrund dafür sind die Meeresströmungen, die genau hier Eier und Larven von Fischen und anderen Meerestieren anschwemmen.

Der enorme Bedarf an Kühlwasser, welches durch große Turbinen direkt aus dem Meer angesaugt wird, um dann –mit Chlor versetzt und um bis zu 10 Grad Celsius erhitzt- wieder zurück ins Meer geleitet zu werden, hätte katastrophale Auswirkungen auf dieses sensible Ökosystem. Gleichzeitig würde die Luftverschmutzung durch den täglichen Ausstoß von tonnenweise Kohlendioxid und anderen Schadstoffen rapide ansteigen – mit den entsprechenden negativen Auswirkungen auf Landwirtschaft, Gesundheit und Tourismus.

Kampf unter den Schwingen des Pinguins

Schon früh erkennen die Aktivisten von MODEMA, dass sie, um das Augenmerk der Öffentlichkeit auf ihre sozialen und ökonomischen Befürchtungen zu lenken, einen charismatischen Botschafter brauchen. Diese Rolle übernehmen fortan die Humbldt-Pinguine, Motto: Um die Pinguine zu schützen, muss man die Fischbestände schützen und rettet damit u.a. auch die Fischer.

2008 kommt es zu Expertenanhörungen vor der Regionalverwaltung in Coquimbo und zu ersten größeren Demonstrationen auch in La Serena. Im November zieht mit der halbstaatlichen Codelco das erste Unternehmen sein Projekt zurück.

2009 werden die Kraftwerksprojekte an der Küste von La Higuera zunehmend zum nationalen Politikum. Und auch auf internationaler Ebene erheben sich –dank Sphenisco- mehr und mehr Stimmen.

Morddrohung per SMS - gerichtet an zwei der führenden Umweltaktivisten, Juli 2009

Ende August 2010 überschlagen sich die Ereignisse. Das regionale Entscheidungsgremium erklärt die Kraftwerks-Pläne des französisch-belgischen Konzerns Suez Energy für umweltverträglich. Im ganzen Land versammeln sich daraufhin, zusammen getrommelt via Facebook, Twitter und Mobiltelefon, aufgebrachte Bürger zu Protestkundgebungen. Stunden nach der Entscheidung beherrscht das Thema die chilenischen Medien. Am Tag darauf übergeben die Aktivisten öffentlichkeitswirksam tausende Protestschreiben aus aller Welt, allein 17.000 davon hatte Sphenisco gesammelt. Während dieser Veranstaltung wird eine Regierungsvertreterin beim Schreiben einer SMS gefilmt: „27.000 Unterschriften haben sie gesammelt, diese Scheiß-Hippies, mir stinkt’s.“ Ein politischer Skandal droht, die Frau wird entlassen, und Präsident Piñera sieht sich genötigt, einzulenken.  Er stellt sich auf die Seite des Protestes. Suez Energy zieht sein Projekt zurück.

Der Wind hat endgültig zugunsten der Bürgerbewegung gedreht. Im März 2011 gibt mit CMP (Compañía Minera del Pacífico) auch der letzte verbliebene Energiekonzern auf. 

Es ist das glückliche Ende eines Politkrimis, der zuversichtlich stimmen darf. Die langfristige gesamtwirtschaftliche Vernunft hat gesiegt über kurzfristige Profitgier. Und sie deckt sich mit der langfristigen Vernunft im Sinne des Erhaltes der Biodiversität. Die Humboldt-Pinguine sind hierfür das Symbol – gleichfalls im Schutze ihrer „ausgebreiteten Schwingen“ haben sie einen Sieg nicht für sich selbst, sondern auch für ihren Lebensraum und die Menschen der Region errungen.

Diese Ausstellung entstand aus dem Wunsch, den Menschen von MODEMA Dank zu sagen und stellvertretend zehn von ihnen vorzustellen. Es ist die Geschichte von zwei „kleinen gallischen Dörfern“ in Nordchile. Sie trägt die hoffnungsvolle Botschaft in sich, dass nicht nur das Sein das Bewusstsein bestimmt, sondern zunehmend auch das Bewusstsein dazu in der Lage ist, das Sein aktiv zu ändern.