Weltweit sind Geburten von Großen Ameisenbären in Menschenobhut selten – in den vergangenen 12 Monaten waren es nur 20. Der kleiner tollpatschige “Rüssler” aus dem Zoo Magdeburg, der am 8. Februar 2021 geboren wurde, gehört zu diesen zoologischen Seltenheiten. Seit 2001 zählt der Große Ameisenbär zum Tierbestand des Zoos. Der Erstzuchterfolg im ZOO Magdeburg bei dieser gefährdeten Nebengelenktierart gelang im Jahr 2005. Das jetzige Jungtier ist die fünfte Nachzucht des Zuchtpärchens “Estrella” und “Kaspar”. Wie die Entwicklung des jüngsten Ameisenbären-Sprösslings in Magdeburg verläuft, können Sie in dem Tagebuch des Großen Ameisenbären mitverfolgen.

Tagebuch Großer Ameisenbär

Ein erster Eindruck von mir : hier bin ich 4 Tage alt. Foto: Petra Oppermann / Zoo Magdeburg

22. Februar 2021

Liebes Tagebuch,

Heute vor zwei Wochen bin ich auf die Welt gekommen. Man, war das ein aufregender Tag! Als die Tierpfleger mich neben meiner Mama Estrella liegend entdeckten, staunten sie nicht schlecht, denn so etwas wie mich gibt es im Zoo nicht allzu häufig. Ich bin nämlich ein, zugegeben noch recht kleiner, Großer Ameisenbär und die Zucht und Haltung meiner Art ist in menschlicher Obhut nicht ganz einfach. Umso mehr freuen sich nun alle, dass ich da bin und hoffen, dass es mir weiterhin so gut geht, denn in den ersten Lebenswochen eines Großen Ameisenbären kann viel passieren.  Um meiner Mama und mir ein bisschen Ruhe zu gönnen, haben die Tierpfleger den Einblick in unser Gehege abgedunkelt. Somit muss ich mich noch ein wenig bis zu meinem ersten Besuch gedulden.

Ich habe es geschafft - sicher auf dem Rücken der Mutter. Foto: Petra Oppermann / Zoo Magdeburg

23. Februar 2021

Liebes Tagebuch,

Ich bin so stolz auf mich! Mittlerweile klettere ich schon auf den Rücken meiner Mama als wäre es das Einfachste auf der Welt. Am Anfang sah das noch ganz anders aus. Ich wusste einfach nicht, wie ich da hochkommen soll, denn meine Mama ist vom Boden bis zur Schulter immerhin einen halben Meter groß. Immer wieder habe ich es an ihren Vorderbeinen versucht, doch nach drei Tagen kam ich darauf, dass ich die Hinterbeine als Leiter verwenden muss. Da muss man auch erstmal draufkommen… Dass ein kleiner Großer Ameisenbär auf dem Rücken seiner Mama sitzt, ist vor allem in der Wildnis wichtig. Dort sind wir nämlich durch unsere Fellfarbe bestens getarnt und unsere Mütter können uns überall hin mitnehmen. Wenn meine Mama Futter sucht, lässt sie mich aber manchmal auch allein. DOCH nicht mit mir! Ich krabble ihr dann nämlich so schnell ich kann hinterher.

Nach der leckeren Mahlzeit: Ruhepause. Foto: Petra Oppermann / Zoo Magdeburg

24. Februar 2021

Liebes Tagebuch,

Heute habe ich meine Mama mal genauer beim Fressen beobachtet. Du glaubst ja gar nicht was sie für eine lange Zunge hat! Sie misst fast 60 Zentimeter. Ob meine Zunge auch mal so lang wird? Sie benutzt ihre Zunge, um damit Brei aus einer Schüssel zu lecken. Er besteht wohl aus fast 30 Zutaten und ist ein guter Ersatz für die vielen Ameisen und Termiten, die wir in der Wildnis fressen würden.

Ein erwachsener Ameisenbär ernährt sich täglich von 35.000 Ameisen. Das klingt viel, sind aber am Ende nur 180 Gramm Futter. Irgendwie roch dieser Brei so gut, dass ich mir das genauer ansehen musste. Leider bin ich dabei in die Schüssel gefallen und meine Mama hatte ganz schön zu tun mich wieder sauber zu lecken.

25. Februar 2021

Liebes Tagebuch,

meinen Papa Kasper habe ich noch nicht kennengelernt, denn wir Ameisenbären sind eher Einzelgänger, aber dafür verbringe ich, solange ich noch klein bin, umso mehr Zeit mit meiner Mama Estrella. Sie kümmert sich echt toll um mich. Da es draußen noch zu kalt ist, kuscheln wir uns in unserem Innengehege zusammen. Beim Schlafen deckt sie mich dann mit ihrem buschigen Schwanz zu, um mich warm zu halten. Damit ich trotzdem genügend frische Luft bekomme, hebt sie ab und zu den Schwanz und belüftet so meinen Schlafplatz zwischen ihrem Bauch und ihren Vorderbeinen. Wenn mir doch mal etwas nicht passt gebe ich einen lauten Schrei von mir! Dann kommt sie ganz schnell, um nach mir zu sehen. Video: Petra Oppermann

Heute brachte ich schon 1320 Gramm auf die Waage. Foto: Petra Oppermann

26. Februar 2021

Liebes Tagebuch,

Heute wurde ich bereits zum dritten Mal gewogen und ich habe schon ordentlich zugelegt. Einmal pro Woche werde ich auf die Waage gesetzt. An meinem vierten Lebenstag wog ich genau 1200 Gramm, in der zweiten Woche nahm ich dann 50 Gramm zu und heute bringe ich bereits 1320 Gramm auf die Waage. Vermessen wurde ich auch noch. Meinen Pflegern machte ich es nicht leicht, genau zu sehen wie lang ich bin, denn ich wollte mein Näschen nicht ruhig halten. Sie haben es aber dann doch geschafft und wissen jetzt: Von der langen Nasenspitze bis zum Schwanzende bin ich 60 Zentimeter lang. Doch ich werde noch ein erhebliches Stück wachsen. Ein adulter Großer Ameisenbär wiegt etwa 30 – 35 kg und ist insgesamt fast 2,5 Meter lang. Der lange Schwanz macht dabei fast die Hälfte der gesamten Körperlänge aus und der Schädel nimmt zirka 20 Zentimeter davon ein.

27. Februar 2021

Liebes Tagebuch,

Ich selbst bin ja noch nicht mal drei Wochen alt, doch Ameisenbären gibt es auf der Welt schon seit 54 Millionen Jahren! Zu dieser Zeit spalteten sich die Ameisenbären von ihren nahen Verwandten den Faultieren ab. Zusammen bilden wir die Ordnung der Zahnarmen. Der Name kommt ganz einfach daher, dass wir Ameisenbären überhaupt keine Zähne besitzen und Faultiere lediglich 18 Stück. Ameisenbären und Faultiere sind außerdem noch mit den Gürteltieren verwandt. Sie alle drei gehören zur Überordnung der Nebengelenktiere. So unterschiedlich wir drei aussehen, haben wir doch alle etwas gemeinsam, nämlich unter anderem zusätzliche Gelenke an den unteren Bauch- und den Lendenwirbeln.

28. Februar 2021

Liebes Tagebuch,

Wenn ich so neben meiner Mama liege, dann könnten ihre langen, scharfen Krallen einem schon fast Angst einflößen. An allen fünf Zehen der Vorderfüße hat sie Krallen, aber nur die drei mittleren sind sichelförmig und mit ca. 15 Zentimetern richtig groß. Wenn sie läuft, klappt meine Mama ihre Krallen nach unten und läuft auf den Knöcheln damit sie ihr nicht im Weg sind, ähnlich wie ein Schimpanse. So werden sie außerdem auch nicht stumpf. Das ist wichtig, denn in der Wildnis brauchen Ameisenbären ihre Krallen neben der Verteidigung vor allem, um an Nahrung zu gelangen. Mit der „Haken-Zug-Methode“ stecken sie dann die Krallen in eine kleine Öffnung des Termitenbaus und ziehen dann die kräftigen Vorderfüße zurück. Und schon kann die Insektenkost verspeist werden!

01. March 2021

Liebes Tagebuch,

Jeder will schon wissen, ob ich ein Männchen oder Weibchen bin – die Tierpfleger, meine Fans die Besucher und auch die Leute von der Presse. So einfach ist das aber bei einem Ameisenbären nicht zu erkennen und schon gar nicht, wenn ich noch so klein bin. Daher lasse ich alle noch ein bisschen warten… obwohl, schön wäre es schon bald mal einen Namen zu bekommen.