Gestern & Heute

  • 1950-1960

    Gründerzeit

    Die Gründerzeit

    Am 21. Juli 1950 öffnete der Tiergarten Magdeburg erstmalig seine Tore für die Besucher, und doch ist seine eigentliche Geburtsstunde deutlich früher zu finden. Die aufreibende Zeit der Vorbereitungen eines solchen Großprojektes, die zwangsläufig mit der intensiven Akquise erforderlicher Gelder und den kontrovers geführten Diskussionen in der Öffentlichkeit verbunden ist, gerät allzu oft und allzu schnell in Vergessenheit. Diese Gründungsphase wurde entscheidend durch Alfred Hilprecht geprägt, der schon weit vor dem Zweiten Weltkrieg vehement für einen Tiergarten geworben hatte. Durch den Krieg wurde das Vorhaben, einen Tiergarten in Magdeburg zu etablieren, sprichwörtlich torpediert, und es erscheint fast unglaublich, dass in der stark zerstörten Stadt so rasch nach Kriegsende der Gedanke eines Tiergartens wieder aufkeimte und sogar in die Tat umgesetzt worden ist. Alfred Hilprecht konnte mit Unterstützung vieler 1950 den Magdeburger Tiergarten endlich seiner Bestimmung übergeben. 50 Säugetiere und 280 Vögel umfasste damals der Tierbestand.

    Für den Gründer des Zoos, Alfred Hilprecht, endete die Zoo-Ära bereits 1952. Dies war politisch motiviert: Bei der Wahl seiner Partner hatte sich Hilprecht weniger an der Parteizugehörigkeit als vielmehr am Wohl des Zoos orientiert, daher fiel er in Ungnade, wurde seines Amtes enthoben und sollte viele Jahre keinerlei Erwähnung mehr als eigentlicher „geistiger Vater“ des Magdeburger Zoos finden. Zu seinem Nachfolger wurde Lothar Klinzmann ernannt, der wie Hilprecht Hobby-Ornithologe war. Doch auch er sollte aus heutiger Sicht nur eine „Übergangslösung“ sein. Denn das Bild des „Heimattiergartens“ änderte sich zusehends.

  • 1960-1970

    Die Elefanten kommen

    In den 1960er Jahren konnte man Tiere noch kaufen und sich anschließend erst Gedanken über ihre angemessene Haltung machen. Exemplarisch hierfür sind die Anfänge der Elefanten- und Schimpansenhaltung im Magdeburger Zoo. Die erste Asiatische Elefantenkuh „Sonja“ wurde 1960 begeistert von den Magdeburgern empfangen. 1961 verließ Klaus-Günther Witstruck den Zoo, um das Direktorat in Halle zu übernehmen; an seine Stelle rückte der vormalige wissenschaftliche Assistent des Tierparks Berlin, Dr. Manfred Bürger. Direkt zu Beginn seiner Amtszeit konnte sich der Zoo über die Ankunft seiner zweiten asiatischen Elefantenkuh Kati freuen, die nun der im Vorjahr nach Magdeburg gekommenen Sonja Gesellschaft leistete. Für die Magdeburger waren die Elefanten damals natürlich eine Sensation – mit 389.000 Besuchern erzielte der Zoo 1961 einen neuen Rekord. Heutzutage undenkbar waren allerdings die Haltungsbedingungen der damals noch jungen Elefanten. Tagsüber wurden sie von ihren Pflegern durch den Zoo geführt und so den Besuchern präsentiert, um abends in Notunterkünften auf dem Wirtschaftshof untergebracht zu werden. Im darauffolgenden Jahr baute der Zoo wenigstens eine Art „Außengehege“ auf dem Gelände, auf dem heute die Giraffen stehen. Doch es sollte noch bis 1967 dauern, bevor die Elefanten ein eigenes Haus bekamen – und das in buchstäblich letzter Minute, denn inzwischen passten sie kaum noch durch die Türen ihrer Notunterkunft. Dass es überhaupt gelang, in dem jungen und kleinen Magdeburger Zoo das erste große Warmhaus der DDR zu errichten, war geradezu eine Sensation und kann aus heutiger Sicht nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gleichwohl entspricht das Dickhäuterhaus inzwischen schon lange nicht mehr den Haltungsrichtlinien für seine Bewohner.

  • 1970-1980

    Große Tiere – große Sorgen

    War der Magdeburger Zoo durch den Bau seines Dickhäuterhauses 1967 endgültig in der Liga der großen und „bedeutenden“ Zoos angelangt, so mögen die darauffolgenden Jahre dem Motto folgen: Große Tiere – große Sorgen. Beispielhaft hierfür steht die Geschichte der Elefantenhaltung in Magdeburg. Der gravierendste Einschnitt in der jungen Geschichte des Zoos war zweifelsfrei der Ausbruch einer Pockenerkrankung bei den Elefanten 1971, an der zunächst die asiatische Kuh Sonja und nach monatelangem Ringen auch Kati verstarb, einzig die afrikanische Elefantin Arusha überlebte. Acht Monate lang blieb das Dickhäuterhaus geschlossen, die Betroffenheit und Anteilnahme der Bevölkerung war groß.

    Die darauf folgende Spendenaktion ermöglichte es dem Zoo, bereits 1972 mit den beiden jungen Kühen Sari und Dacca neue Elefanten zu erwerben. Schon ein Jahr später wuchs die Elefantengruppe durch die in einem Zirkus beschlagnahmte Birma auf nunmehr drei Asiaten und eine Afrikanerin an.

  • 1980-1990

    Ein Heim für Krallenaffen

    1983 zogen auf Betreiben des langjährigen zoologischen Assistenten und späteren Zoodirektors Michael Schröpel zwei neue, außerordentlich kleine südamerikanische Affenarten in den Magdeburger Zoo ein: Lisztaffen und Schwarzpinselaffen, beide der Familie der Krallenaffen zugehörig. Die weitere Spezialisierung in diesem Bereich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen, jedoch sollte die Entscheidung für diese Tiere nachhaltige Auswirkungen auf das Wirken und den internationalen Ruf des Magdeburger Zoos haben. Michael Schröpel beschreibt die Anfänge mit den Liszt- und Schwarzpinselaffen in der 50-Jahr-Chronik des Zoos folgendermaßen: „Damals war es noch üblich und gemeinhin verbreitet, die kleinen und sehr empfindlich erscheinenden Krallenaffen aus den Tropenwäldern Südamerikas ständig im Innenraum unterzubringen. Wegen ihrer geringen Körpergröße nahm man auch an, dass sie keine großen Unterkünfte benötigten. Vielerorts wurden Krallenaffen gleichsam in Terrarien gehalten. Erst etwas später erkannte man ihre wahren Bedürfnisse.“ Es war genau dieser Prozess, das „Erkennen der wahren Bedürfnisse“, an dem der Zoo Magdeburg einen maßgeblichen Anteil hatte – und bis heute hat. Den Liszt- und Schwarzpinselaffen folgten bald die Weißbüschelaffen, Zwergseidenaffen, Rotbauch- und Andentamarine und schließlich 1988 über das internationale Erhaltungszuchtprogramm Goldgelbe Löwenaffen – spätestens damit hatte der Zoo seinen Ritterschlag erhalten. Ende der 80er Jahre lebten 47 Krallenaffen aus acht Arten in Magdeburg, fast alle brachten Jungtiere zur Welt.

  • 1990-2000

    Affen, Elefanten & Co.

    In den 90er Jahren sollte die Sammlung der Krallenaffen noch erweitert werden. So erhielt Magdeburg 1994 als erster Zoo auf dem europäischen Festland ein Paar der stark vom Aussterben bedrohten Schwarzen Löwenaffen, und auch Goldkopflöwenaffe, Zweifarbtamarin und Kaiserschnurrbarttamarin fanden eine gute Heimat in Sachsen-Anhalt. Der Zoo Magdeburg verfügte damit über die größte Krallenaffenhaltung in ganz Europa. Auch wenn der Bestand inzwischen wieder auf das Niveau der späten 80er Jahre zurückgegangen ist, so gilt Magdeburg noch immer als eines der wichtigsten Krallenaffenzentren der internationalen Zoowelt. Bis heute werden sämtliche Zoobestände an Rotbauchtamarinen im Rahmen des internationalen Zuchtmanagements von Magdeburg aus koordiniert.

    1990 folgte der zweite Ausbruch der gefürchteten Elefantenpocken. Zu diesem Zeitpunkt waren im Dickhäuterhaus vier afrikanische Tiere sowie die indische Kuh Birma untergebracht. Während die Afrikanerinnen nicht sonderlich anfällig für Pocken sind und deshalb die Seuche gut überstanden, überlebte Birma die Krankheit nur knapp. Als die jungen Afrikanerinnen fast ausgewachsen waren, musste der Zoo sich schweren Herzens von den beiden Kühen Pori und Mafuta trennen, da der Platz für fünf erwachsene Kühe schlichtweg nicht ausreichte. Schließlich musste nach zwei Angriffen auf einen Pfleger aus Sicherheitsgründen auch Arusha abgegeben werden. Lediglich Birma und Mwana sind somit dem Zoo geblieben. Mit den aktuellen Planungen für eine neue Elefantenanlage muss nun ein kompletter Neuanfang gemacht werden, will man den Besucherwunsch nach Elefanten mit den Anforderungen einer modernen Zootierhaltung für Elefanten in Einklang bringen.

    Bis heute eines der schönsten Tierhäuser des Zoos ist gleichzeitig auch jenes, welches in einer Rekordbauzeit von nur 110 Stunden fertig gestellt wurde: das Giraffenhaus. „Schuld“ daran ist eine Fernsehsendung bzw. die Anfrage an den Zoo, ob man nicht eine abstruse Idee für eine Fernsehwette hätte – was daraus entstand, war ein Thriller mit Happyend…

  • 2000-2010

    Der Zoo zur Jahrtausendwende

    Als das Menschaffenhaus im Jahr 2000 endlich eröffnet werden konnte, waren Wubbo und Nana längst erwachsen. Direktor Puschmann war inzwischen nach 19 Jahren im Amt in den Ruhestand gegangen, Michael Schröpel hatte den Direktorenposten übernommen. Das Menschenaffenhaus war das bis dahin größte realisierte Bauvorhaben in der Geschichte des Magdeburger Zoos. Ähnlich wie das Giraffenhaus und das ebenfalls 2000 fertig gestellte Tigerhaus verschwindet dieses Gebäude durch seine begrünten Dächer in der Landschaft – ein Meilenstein der Zoo-Architektur und der Entwicklung des Magdeburger Zoos. Mit den Orang-Utans konnte erstmals neben den Schimpansen eine zweite große Menschenaffenart gehalten werden. Unglücklicherweise führten Konstruktionsfehler bald schon zu Problemen im Haus. Als schließlich Schimmelpilzsporen in bedenklicher Menge nachgewiesen wurden, musste das Haus für mehrere Monate geschlossen werden, und nach dem Tod zweier Orangs gab man die Haltung dieser Art wieder auf. In dieser Phase trat 2003 Dr. Kai Perret als siebter Direktor des Magdeburger Zoos sein Amt an; es war ein zweischneidiges Erbe, das er vorfand: Auf der einen Seite ein zoologisch gut aufgestellter und international anerkannter Zoo, auf der anderen Seite ein eklatanter Investitionsrückstau und ein neues Haus, welches schon kurz nach der Eröffnung zum Sanierungsfall geworden war. Dies alles in einer sich im Umbruch befindlichen Zoolandschaft, einer Zeit, in der sich Zoos neu definieren, in der Haltungsrichtlinien verschärft werden und in der sich die Ansprüche der Öffentlichkeit an einen in ihren Augen angemessenen Zoo spürbar verändern. Die Stadt Magdeburg stand damals vor der Wahl, sich mit ihrem Zoo auf diesen Umbruch einzulassen, oder aber sich auszuklinken und den Zoo zum städtischen Tiergarten zurückschrumpfen zu lassen. Sie hat sich entschieden – für den Zoo.
    Seit seiner Eröffnung vor 60 Jahren hat sich aus dem Magdeburger Tiergarten ein Zoologischer Garten entwickelt, der sich in der Gemeinschaft der nationalen und internationalen Zooverbände einen exzellenten Ruf erarbeitet hat.